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Stone Brewing übergibt Standort Berlin Marienfeld an Brewdog

Stone Brewing übergibt Standort Berlin Marienfeld an Brewdog

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Ein Kommentar

Irgendwie werde ich diese Woche Stone Brewing nicht los, aber die Meldung, die heute eingeschlagen ist, dass Brewdog den Standort von Stone Berlin ab 1.Mai übernehmen wird, die ist es mir dann doch wert nochmal etwas dazu zu schreiben. Bei genauerem Hinsehen und zwischen den Zeilen lesen, tagesaktuelle Politik verfolgen und mal ökonomisch nachdenken – schon macht all das, was da passiert eigentlich einen ganz großen Sinn und ist vermutlich für die Beteiligten Firmen eine Win-Win Situation.
Und am Ende sind es viele nette Leute bei Stone, die über die Jahre hinweg einen wirklich guten Job gemacht haben und nicht eine bärtige Gallionsfigur, auf die viele jetzt sicher schmunzelnd blicken.

Hier die Ankündigung von Brewdog:
https://www.brewdog.com/blog/post/brewdog-take-stewardship-of-stone-berlin-bv/
Hier der Blogbeitrag von Stone Gründer Greg Koch:
https://www.stonebrewing.com/blog/miscellany/2019/farewell-stone-brewing-berlin

Aber hübsch der Reihe nach.

Groß war die Freude, als 2016 in einem alten Gaswerk im südlichen Berlin die urspünglich aus Kalifornien stammende Brauerei Stone eine europäische Dependance eröffnen sollte. Ein architektonisch unfassbar schöner Standort, der da die Brauerei und die „Bistro & Gardens“ beherbergen sollte. Vergleicht man den Berliner Standort mit dem in Escondido, CA, dann kann man schon optisch ein paar Parallelen ziehen. Und wo, wenn nicht in Berlin, eröffnet man in Deutschland so eine Brauerei? Ist die deutsche Bundeshauptstadt doch sicher der Hotspot, wenn es um Craftbier geht.

Ein wirklich netter Kerl. Der Typ links aber auch!

Und der Anfang hat dann sicher Vieles „verhaun“, so dass sich bei der heutigen Nachricht sicher der eine oder andere den Bauch vor Schadenfreunde nicht mehr halten konnte. Die alte Geschichte mit dem Stein, der auf eine Palette europäisches Lagerbier fallen gelassen wurde, um zu zeigen, dass die Bierrevolution jetzt in Berlin angekommen ist. Diese Geschichte hat Greg Koch wohl nie wieder losgelassen. Und auch sein Spitzname „Beer Jesus“ passte dann genau ins so gezeichnete Bild, wie der Name „Arrogant Bastard“. Man hat hier ganz bestimmt unnötiger Weise viel verbrannte Erde hinterlassen und sicher lange gebraucht, um diese Wunde wieder halbwegs zu schließen. Es war aber auch zu spüren, dass die Töne aus Berlin sofort merklich leiser geworden waren.

Warum aber war man nicht mehr ganz so laut? Vermutlich aufgrund der heftigen Reaktionen auf genau diese genannte Aktion, aber auch ob der nun selbst gemachten Erfahrungen beim Umbau. Und da wurde ja noch gar kein Bier im alten Gaswerk gebraut. Der Markt war es aber schließlich, der dann sicher richtig weh getan hat.

Betrachtete man dann das Investment, das Stone da in Berlin gemacht hat mit ein wenig Marktkenntnis, dann war recht schnell klar: „Viel Geld können die da nicht verdienen“. Zu weit draußen war das Bistro und der Taproom, um „mal eben auf ein Bier zu Stone“ zu gehen. Zu groß dafür aber der hier zur Verfügung stehende Platz. Von der fehlenden öffentlichen Anbindung mal ganz zu schweigen. Aber auch der eigentliche Grund für den Standort, der Bierabsatz der hier produzierten Bieres in Europa, dieser hat wohl nie auch nur ansatzweise die Erwartungen erfüllt. So zumindest munkelte man immer lauter hinter nicht mehr ganz so vorgehaltenen Händen.

Was aber tun? Ein Rückzug mit so einer Brauerei im Rücken? Wohl kaum. Aber auf Dauer kann man so ein Projekt auch nicht als Abschreibposten mit durchschleppen.

Was jetzt kommt ist zwar pure Spekulation, aber vermutlich nicht weit weg von der Wahrheit, denn Unternehmen aus Großbritannien haben zunehmend ein über ihnen schwebendes Damoklesschwert Namens „Brexit“. In UK zu produzieren und nach Kontinentaleuropa zu exportieren ist dann eine echte wirtschaftliche Herausforderung – wird aber wohl bald in welcher Ausprägung auch immer Realität werden.

Das dürfte auch den Schottenpunks bei Brewdog nicht entgangen sein und vermutlich hat man hier schon länger viele Pläne geschmiedet und wieder verworfen, wie man diesem Thema entgegen wirken kann. Vielleicht ist man sich bei einem Kollaborationssud mit Stone, der noch gar nicht so lange her ist, näher gekommen und hat sich über Alltagsprobleme ausgetauscht. Und vielleicht ist genau dabei der Grundstein für das gelegt worden, was heute bekanntgegeben wurde: Brewdog übernimmt den Stone Standort in Berlin Marienfeld. Der Stone Taproom am Prenzlauer Berg bleibt dabei weiter bestehen und auch die Stone Distribution in Europa wird eher ausgebaut statt reduziert. So zumindest der angekündigte Plan.

Wie aber ist das möglich und warum macht das Sinn? Spekulieren wir mal fein drauf los und lassen uns davon überraschen, was letztlich wirklich passieren wird.

Mit einem „Brexit“ wären bzw. sind die Handelsschranken oder Zölle eine signifikante Größe für ein Unternehmen wie Brewdog. Mit einem Jahresausstoß von knapp unter 400.000 hl kann eine zusätzliche Anlage wie die von Stone Berlin für den Brewdog Markt in „Resteuropa“ absolut Sinn machen.

Brewdog setzt zunehmend auf Dosen und in Berlin wurde von Stone fast ausschließlich in Dosen abgefüllt. Perfekt, die Infrastruktur stimmt auch.

Marienfeld wird nach meiner Vermutung zu einem Produktionsstandort mit kleinem Taproom umgebaut werden. Die jetzige Größe der Gastronomie ist völlig überdimensioniert – egal für welchen Brauer. Aber für ein paar Bierfreaks, die sicher den Weg nicht scheuen werden, wird es immer Sinn machen hier eine Anlaufstelle zu betreiben. Der restliche, dann immer noch reichlich vorhandene Platz könnte zur sukzessiven Expansion der Produktion genutzt werden.

Stone braut weiter in Berlin – so schreibt es Greg Koch zumindest in seinem Statement – an gleicher Stelle. Brewdog muss die Anlage also nicht gleich zu 100% rocken, sondern kann auf den Bedarf von Stone als „Kunden“ auch wirtschaftlich sinnvoll produzieren. Es wird also weiterhin auch „Stone Berlin“ Biere geben.

Und plötzlich ergibt alles einen Sinn. Wie gesagt: Vieles ist Spekulation, aber ich würde mich wundern, wenn nicht in den nächsten Tagen und Wochen Vieles genau so kommen wird.

Und es bleibt zu hoffen, dass so auch viele der liebgewonnenen Gesichter und Menschen bei Stone in Berlin bleiben werden oder von Brewdog übernommen werden. Denn an ihnen hat es sicher nicht gelegen.

Und mal ganz ehrlich: Ich durfte Greg Koch vor ein paar Monaten einmal persönlich kennenlernen. Er ist sicher nicht der „arrogante Bastard“, für den ihn viele halten. Eigentlich ist er in Wahrheit ein echt feiner Kerl, ein Träumer und ein bisschen auch ein Spinner. Alles im positivsten Sinne, auch wenn bei seinem Farewell Statement doch mancher wieder die Stirn runzeln dürfte. Aber sind es nicht genau diese unverbiegbaren Typen, die ein Stück weit die Craftbier Szene ausmachen?

Danke Stone – Willkommen Brewdog