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proBIER on Tour: Zu Gast bei Dogfish Head Brewery, Milton, Delaware

proBIER on Tour: Zu Gast bei Dogfish Head Brewery, Milton, Delaware

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DogfishHead-BrauereiWem der Bundesstaat Delaware jetzt nicht unmittelbar etwas sagt, der muss sich nicht schamvoll hinter der nächsten Ecke verstecken: Delaware ist der zweitkleinste Staat der USA – nur noch geschlagen vom noch kleineren Rhode Island. Eigentlich gibt es in diesem Bundesstaat auch nicht wirklich viel Besonderes, schöne kilometerlange Strände vielleicht, 0% „Sales Tax“, aber das war es dann auch schon. Aber halt – in Delaware liegt das kleine gallische Dorf im Südosten. Nur wenige Kilometer von der Atlantikküste weg liegt der kleine Ort „Milton“.

Und in Milton ist einer der Schmelztiegel, wenn es um US amerikanisches Craft Bier geht, denn hier ist eine der größten – und gleichzeitig auch bekanntesten – Craftbier Brauereien der USA beheimatet. Hier ist die DogfishHead-SudhausBrauerei von „Dogfish Head“. Mich hatte es diesen Sommer in die Gegend verschlagen und ich wollte ein paar Tage am Strand verbringen. Also auf nach Delaware und mit einem Besuch bei der Brauerei verbinden.

Eines vorneweg: „Vergesst alles was ihr bisher über Craft Bier Brauereien in eurem Kopf gespeichert habt!“ – Diese Brauerei ist riesengroß! Mit einem Jahresausstoß von über 250.000 hl ist man sicher weit weg vom „Homebrewing Kit“ mit dem auch hier alles einmal begonnen hatte. 1995 gegründet feiert die Brauerei in diesem Jahr ihr 20 jähriges Bestehen. Und sie hat eine wilde Zeit hinter sich. Begonnen als kleines Brewpub gab es Mitte der 2000er Jahre jährliche Wachstumsraten um 400%. Da kann man ruhig schon von Erfolg sprechen.

Ich will an dieser Stelle die Diskussion, ob das nun noch alles „Craft“ ist gar nicht führen. Die Definition der Brewers Association ist da sehr eindeutig „ja“. Aber komisch wirkt es irgendwie schon, wenn man diesen Brauereikomplex sieht. Sehen tut man ihn allerdings erst, wenn man in einem Wohngebiet in der Stadt Milton die richtige Abzweigung genommen hat – Schilder sucht man nämlich vergebens. Es lebe das Navi. Ein Schild mit dem  Hai aus rostigem Metall verrät es dann aber: Hier muss es sein.

DogfishHead-BarIm Visitor Center wird man dann gleich freundlich begrüßt und bekommt seinen „Bierpass“, den man an der Bar für vier Kostproben einlösen kann und sich so die Zeit bis zum Tourstart „vertreiben“ kann. In guter amerikanischer Bierfreak Manie kommt man hier schon mit den ersten Biergeeks ins Gespräch. Und spätestens, wenn der Guide einen aufruft und die Herkunft dazu sagt, dann ist man als Europäer die Attraktion Nummer 2.

Los geht die Führung im Sudhaus, wo man einiges über die Geschichte von Dogfish Head erfährt. So zum Beispiel auch, wie es zu dem Namen kam. Denn Sam Calagione verbrachte mit seinen Eltern einen Familienurlaub im Ort „Dogfish Head“ in Maine als er seinem Vater seine Pläne mit einer Brauerei beichtete. Glück gehabt, denn wäre der Urlaub nur wenige Kilometer entfernt gewesen, dann wäre es „Newdick Point“ geworden. DogfishHead-MapDas Bier wäre sicher genauso gut, das Marketing und Logo hätte mich aber interessiert.

Das Sudhaus 2, das wir sehen dürfen, ist komplett in Edelstahl gebaut und von GEA aus Deutschland. In diesem Raum steht aus das Equipment mit dem die Erfolgsstory begann. So erfährt man, dass die kontinuierliche Hopfengabe des 60 Minute IPA zuerst mit einem amerikanischen Kinderspiel-Klassiker („Electric Football“) realisiert wurde. Der Hopfen wurde über die 60 Minuten über das Spielfeld „gerüttelt“. So fielen immer kleine Mengen als „Touchdown“ in den Kessel. Heute erledigt das jedoch eine pressluftbetriebene Anlage, die immer wieder den Hopfen in den Kessel bläst.

DogfishHead-MalzmuehleDogfishHead-HolzFassReifungDanach dann an der gewaltigen Malzmühle vorbei in den Lagerbereich. Und da lässt es sich nicht verbergen: Auch Dogfish Head arbeitet an holzfassgereiftem Bier. Zahlreiche, aber vermutlich zu wenige, um davon in Europa kaufen zu können, Holzfässer stehen entlang des Weges. Dann aber wird der Blick auf die Lagertanks gelenkt. Wow! Wer diese Rohre da verlegt hat, der hatte echt Spass an seiner Arbeit. Das schaut aus wie in einem High Tech Betrieb. Irgendwie fehlt der Craft Bier Charme dann schon ein wenig. Aber wenn man neben dem Staunen noch etwas auf den Guide hört, dann erfährt man wie viel Craft doch noch in den Bieren steckt. DogfishHead-GaertanksKeine Spur von Kompromissen bei den Zutaten, keine Abstriche bei der Qualität, immer noch freakige Ideen, die in Serie gehen. Halt doch durch und durch Craft – nur eben in einer anderen Dimension.

Vorbei an der eigenen Hefezucht bzw. der Hefe, die aus den Suden gestrippt wird. Natürlich dürfen wir hier nur durch Glas reinschauen. Und dann geht es in die Abfüllung – zumindest in die, wo die Fässer abgefüllt werden. Denn gut 25% der Produktion landet in KEGs. Die Fässer werden halbautomatisch gefüllt und landen dann auf den Paletten. Dann kommen wir vorbei am „Cage“ – einem abgeschlossenen Bereich in der Halle in der ein Karton jedes Sudes der letzten 10 Jahre aufbewahrt wird, um bei Qualitätsbeschwerden von Kunden entsprechend reagieren zu können. Ein Traum hier mal eingeschlossen zu werden.

DogfishHead-DistilleDogfishHead-FassAbfuellungEigentlich sind wir jetzt am Ende des riesigen Gebäudes angekommen und werden ins Freie geführt. Natürlich vermissen wir alle die Flaschenabfüllung – aber werden zunächst einmal überrascht, denn Dogfish Head hat angefangen zu brennen. Im kommenden Jahr werden so ein „Gin“, ein „Vodka“ und ein „Rum“ auf den Markt kommen. Einen Blick auf die Destillation dürfen wir aber schon einmal riskieren. Aber was ist denn nun mit der Flaschenabfüllung?

DogfishHead-OCCDie Antwort hierauf lautet „OCC“, das „Off-Centered Center“. Ein Logistikzentrum, das hinter der Brauerei, an einem idyllisch gelegenen See liegt. Innen offenbart sich dann eben nicht nur eine riesige Lagerhalle, sondern auch die Flaschenabfüllung. Von der Fläche übertreibe ich sicher nicht, wenn ich so vier Fußballfelder schätze – also echt groß. Nein, ich fange nicht wieder mit „Craft?“ an. Dafür mag ich die Biere einfach viel zu gerne.

DogfishHead-OCC-LagerJa und da stehen sie alle in Kartons verpackt und warten aufgestellt nach Produktionsdatum dann auf ihre Auslieferung. Zwischen Lagertank und OCC laufen übrigens lange und dicke Bierpipelines – wo ist eine Undichtigkeit, wenn man mal eine braucht?

Bei unserem Besuch wurde gerade „Punkin´Ale“ das Kürbisbier abgefüllt. Leider noch nicht zu haben – auch nicht vor Ort. So machen wir uns nach vielen Minuten des Staunens dann auf den Rückweg und erfahren, dass es eigentlich eine „Zip-Line“ über den See hätte geben sollen, auf der dann alle Gäste quasi zurück zum Visitor Center „fliegen“ könnten. Die Behörden vor Ort haben leider diesem Spaß einen Riegel vorgeschoben.

DogfishHead-AbfuellungWieder angekommen endet die Tour – na ja, so ganz dann auch nicht, denn natürlich wartet noch der Shop mit vielen Devotionalien auf uns und dann ist da ja auch noch die Bar, die deutlich mehr als die vier freien Biere zu bieten hat. Solltet ihr einmal in Washington, Philadelphia, Baltimore oder auch New York sein – so weit ist es nicht, und die Strände von Delaware sind auch einen Tagesausflug wert. Mein Tag klingt aus und ich kann zufrieden eine meiner Lieblingsbrauereien auf meiner „muss ich sehen“ Liste abhaken. Und so langsam wächst die Erkenntnis: Craft geht eben doch auch verdammt groß. Gut sogar!