Home proBIER Aktuell Von viel Hopfen und indischem Wasser – Der Mythos IPA
Von viel Hopfen und indischem Wasser – Der Mythos IPA

Von viel Hopfen und indischem Wasser – Der Mythos IPA

39
2
East India Company
East India Company © Wikimedia Commons

  Die Story des India Pale Ale – oder kurz IPA – ist eine, die immer wieder gerne erzählt wird. Zum einen ist es doch offensichtlich ein historischer britischer Bierstil, der mit der Craft Bier Bewegung definitiv eine Wiederbelebung erfahren hat und zeitweilig sogar fast so etwas wie der „Vorzeige Craft Bierstil“ geworden ist. Zum anderen ist kaum mit einem anderen Stil so schnell der Unterschied zu Industriebier zu erfahren, wie mit einem schön gehopften IPA.

Die damit häufig erzählte Geschichte ist, dass dieses Bier für die britischen Kolonien oder Truppen in Indien gebraut worden sei. Entweder, um es für den Transport haltbarer zu machen oder das transportierte Volumen zu reduzieren, soll es angeblich stärker eingebraut worden sein, um es dann nach der Ankunft in Indien wieder mit Wasser auf ein Normalmaß zu strecken. Und weil es aber in der konzentrierten Form so vorzüglich geschmeckt haben soll, deshalb sei nicht selten auf die Verdünnung mit Wasser verzichtet worden. Diese intensive und konzentrierte Variante des Bieres bekam dann aufgrund ihres Reiseziels den Namen „India Pale Ale“.

Wird diese Geschichte im Kreise von Bierfreunden erzählt, dann entsteht schnell ein Lächeln in den Gesichtern eben dieser Kenner, denn dass es sich bei dieser Version um eine „Urban-Legend“ – also einen modernen Mythos – handelt, der nicht dadurch wahr wird, dass er immer wieder auf´s Neue erzählt wird. Fragt man dann aber nach der wirklichen Geschichte des India Pale Ales, wenn denn eben diese Geschichte nicht stimmt, so herrscht in der Regel aber auch Schweigen.

Dabei gibt es natürlich Leute, denen solche Themen keine Ruhe lassen und die der Wahrheit auf den Grund gehen. So sehr, dass dann wirklich auch keine Zweifel mehr bestehen – oder aber andere vermeintliche Fakten auch wieder gar nicht nachgewiesen werden können.

Einer dieser Bierfreunde ist der britische Bierhistoriker, Buchautor und Bierblogger Martyn Cornell. Ich hatte das Glück und die Freude mit ihm ein paar Tage auf einem Bierfestival gemeinsam verbringen zu dürfen und fast schon zwangsläufig stellte ich ihm irgendwann einmal die Frage:

„Wie lautet denn: Die wahre IPA Story?“

Was dann folgte waren wohl die spannendsten 30 Minuten in meinem Bierblogger Leben. Wie angeschaltet sprudelte diese Geschichte aus Martyn nur so heraus. Auch wenn er diese sicher schon hunderte von Malen erzählt hat, so merkte man ihm doch an, dass ihm die Verbreitung der aus seiner Sicht richtigen Version ein wahres Anliegen und wahrscheinlich auch einen Großteil seiner eigenen Forschung war. Er ist dabei sicher auch ein streitbarer Geist, der sich für eine öffentliche Richtigstellung bei einer Mikkeller Buchpräsentation eine besondere Widmung in seinem Exemplar eingehandelt hat (Hier klicken).

Nun aber zur eigentlichen Geschichte von der vieles belegt ist und einiges schlüssig vermutet werden kann:

East India Company
Ausbreitung der East India Company © Wikimedia Commons

Natürlich handelte es sich bei dem IPA um ein Bier, welches von Großbritannien nach Indien exportiert wurde, die Namensgebung ist also selbstverständlich kein Mythos. Nur wurden Pale Ales bereits im 17. Jahrhundert nach Indien exportiert – aber weder für die vielen Sicherheitskräfte der „East India Company“ noch für die erst viel später stationierten britischen Truppen. Gerade von diesen ist nämlich überliefert, dass ihr bevorzugter Bierstil das Porter war – und zwar bis ins 19. Jahrhundert hinein. Es gibt Hinweise darauf, dass bereits 1711 Ales und Porter nach Indien auf die Seereise geschickt wurden. Für Pale Ales gibt es hier erste Nachweise aus dem Jahr 1784.

Die damals von den Brauereien Bass, Allsopp und Hodgson nach Indien geschickten Pale Ales waren meist der in Indien ansässigen Oberklasse der Europäer, einigen Offizieren und den leitenden Angestellten der „East India Company“ vorbehalten.

Auch wurden die Pale Ales – und andere Biere – nicht besonders stark gebraut, um die Schiffsreise nach Indien zu überleben ohne sauer zu werden. Der Alkoholgehalt der damaligen Pale Ales lag mit 6,0% bis 6,5% auf keinen Fall signifikant hoch. Spannend in diesem Zusammenhang ist auch, dass die Biere damals noch gar nicht „India Pale Ales“ hießen. Dieser Begriff taucht erst viel später – nämlich 1835 und dann auch „East India Pale Ale“ oder „India Ale“ – erstmalig auf.

Es stimmt zwar, dass es um 1760 die Vorgangsweise gab Bier, welches in wärmere Regionen transportiert werden sollte, deutlich stärker zu hopfen. Dies war aber keinesfalls auf Exporte nach Indien beschränkt. Britische Kolonien und somit auch Bierexporte gab es noch an anderen Stellen der Welt wie Australien und Neuseeland. Und auch geht diese Art zu brauen nicht nachweislich auf eine bestimmte Brauerei zurück. Es gibt hier zwar das Gerücht, dass bei der Hodgsons Brauerei, die häufig als „Erfinder des IPA“ genannt wird, die Hopfenmenge um 1790 noch einmal deutlich vergrößert wurde. Auch wenn dies sehr wahrscheinlich ist – einen Beweis hierfür hat auch Martyn Cornell nicht gefunden.

Mythos-IPA-03Ein viel wahrscheinlicherer Grund, warum Hodgsons Pale Ales so beliebt – und damit unrichtigerer Weise häufig als Ursprung des IPA gelten – war die Tatsache, dass die Brauerei als Einzige den Schiffskapitänen, die das Bier nach Bombay, Madras und Kalkutta zum Verkauf auf eigene Rechnung noch mitnahmen, sehr großzügige Zahlungsziele einräumte. Diese ermöglichten es ihnen das Bier zu bunkern, in Indien zu verkaufen und erst nach der Rückkunft zu bezahlen. Die „Beliebtheit“ war also eher zu Beginn ein wirtschaftlicher Faktor.

Immerhin gab es aber belegbar 1821 wohl eine offizielle Hopfenmenge, die für den Export nach Indien festgelegt wurde. Welche Hopfenmenge da aber vermutlich festgelegt wurde, darauf geben erst Aufzeichnungen aus 1843 Aufschluss. Die “Pale Ales für den indischen Markt” werden hier einerseits als ”sorgfältig vergoren und frei von Restsüße“ – also sehr trocken – beschrieben was auf einen hohen Endvergärungsgrad hindeutet und andererseits wird die Hopfengabe mit „dem Doppelten der üblichen Menge“ angegeben. Jetzt muss man aber wissen, dass in der damaligen Begrifflichkeit ein „Ale“ ein leichtes nur wenig gehopftes Bier war, „Beer“ bezeichnete die hopfenintensiveren Gestensäfte. Insofern ist mit unseren heutigen Vorstellungen das damalige Ale für Indien nicht einmal wirklich sehr stark gehopft gewesen. Eigentlich hätte man sie jetzt vermutlich auch einfach „India Beers“ nennen können.

IPA GlasAuf den Geschmack dieser für Indien gebrauten Pale Ales kamen aber auch Bierfreunde spätestens 1822 in London, denn zu diesem Zeitpunkt gibt es erste Belege, dass das Bier, welches eigentlich für den Export gebraut wurde, auch in der britischen Hauptstadt zu haben war. Knapp 20 Jahre später -um 1840 – trat das „East India Pale Ale“ seinen Siegeszug auch in seiner Heimat in Großbritannien an und wurde stetig populärer.

Zusammenfassend wurde also IPAs weder für die Truppen in Indien gebraut, noch waren sie besonders stark im Alkohol. Eine Verdünnung mit Wasser war jedenfalls nie ein Thema und ist sicher der größte Unsinn der IPA Mythen. Die Hopfenmenge der Pale Ales wurde für Indien zwar verdoppelt, sie lag damit aber wohl auch nicht so hoch wie wir es häufig annehmen. Ein stark gehopfetes „India Porter“ ist mir zumindest noch nicht begegnet. Und auch einen „Erfinder“ des IPA kann man historisch nicht wirklich ausmachen.

Der Begriff IPA ist übrigens ein gutes Beispiel, wie auch Wikipedia noch solchen „Legenden“ aufsitzt. India Pale Ale bei Wikipedia

An dieser Stelle ein großes „Thanks“ nach England an Martyn Cornell, der mir diese Wissenslücke geschlossen hat. „Cheers Martyn“

Comment(2)

    1. Hallo Peter,
      ich habe auch Wikipedia an sich keinen Vorwurf machen wollen. Wollte eher darauf hinweisen, dass auch da die „Legende“ sich hält und eben auch da noch niemand aktiv war.
      Allerdings habe ich selbst einmal versucht einen Artikel zu korrigieren. Ich habe es ob der zig Schritte dann irgendwann sein lassen. Wer da was ändern will braucht nach meiner Erfahrung auch viel Zeit und Durchhaltevermögen.
      LG Martin

LEAVE YOUR COMMENT

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.