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Wenn die Großen wie die Kleinen – Das „andere“ Craftbier?

Wenn die Großen wie die Kleinen – Das „andere“ Craftbier?

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Wenn sich eine vermeintlich „Große“ Brauerei an das Thema Craftbier heranwagt, dann sind kritische Stimmen meist nicht weit. „Dürfen“ die das denn überhaupt? Ist das überhaupt noch „Craft“?

Nein, keine Angst, ich will hier jetzt keine unnötigen Definitionsversuche starten und auch nicht selber eine Abgrenzung definieren. Aber Gedanken macht man sich ja schon, wenn man auf die Entwicklungen der letzten Monate blickt. Und genau diese Gedanken möchte ich ein wenig weiterspinnen. Nicht zuletzt auch, weil mich vor ein paar Tagen ein Anruf erreicht hat, bei dem das österreichisches Nachrichtenmagazin FORMAT meine Meinung zu den jüngsten Bestrebungen im Hause Ottakringer nachgefragt hat. (Hier nachzulesen)

Und Ottakringer ist ja bei weitem nicht Vorreiter in dieser Sache. Schon lange braut Stiegl mit ihren kreativen Hausbieren in diesem Bereich und auch die Brau Union mit Ihrer Spezialitäten-Manufaktur Hofbräu Kaltenhausen hat das Thema „handgebraute Bierspezialitäten“ entsprechend besetzt. Eigene Sudhäuser für die hauseigene Craftbier Schiene wie jetzt eben auch bei Ottakringer geplant, das macht man aber nicht mal so nebenbei. Wirtschaftlich kämen zum Beispiel sicher alle bislang genannten Brauereien auch gut ohne dieses „Hobby“ aus. Es muss also doch etwas anderes sein.

Portrait-Voigt-Web
Martin Voigt – Autor von „proBIER! – 255 österreichische Biere“ und Bierblogger

Auch im mittelständischen Bereich tut sich etwas. Brauereien, bei denen man schon eher geneigt ist das Thema „Craftbier“ mit in Verbindung zu bringen, bringen immer mehr solche Produkte auf den Markt. Trumer mit seinem „Holzfassgereift“, Zwettlers „Achat“, Hirter mit dem „Beerique“ oder Mohren mit dem „Ländle Ale“ sind solche regionalen bis überregionalen Vertreter dieser handgebrauten Bierspezialitäten. Warum aber tut man sich hier doch leichter von „Craft“ zu sprechen? Ursachenforschung in eigener Sache also.

Sicher ist ein Faktor das Thema Regionalität. Nicht ganz zufällig stammen die letztgenannten Brauereien beispielsweise aus dem Verbund der „Culturbrauer“. Einem Verbund von neun Brauereien, der sich viele der Craftbiergrundsätze – sicher unabhängig von diesen – auf die eigene Fahne geschrieben hat. Auch das Persönlichkeiten neben dem Bier hier im Fokus stehen, „die man eben kennt“, spielt sicher eine gewichtige Rolle. So erscheint das Engagement von Martin Simion bei Ottakringer zumindest ein geschickter Schachzug gewesen zu sein. Martin Simion ist sicher mit einer persönlichen Craftbier Historie jemand, der von der persönlichen Einstellung her alle Voraussetzungen mitbringt, die sich eine Craftbrauerei wünschen mag. Auch muss man ihn in der „Szene“ nicht erst etablieren – auch ihn „kennt man eben„.

Sicher wäre es jetzt grundsätzlich falsch immer nur das Böse hinter bestimmten Entwicklungen zu vermuten. Auch für einen Autokonzern ist es wichtig einen Sportwagen bzw. eine Sportwagenmarke im Programm zu haben. So kann sich der Fiat Fahrer dann beim nächsten Überholvorgang aber genausowenig dafür kaufen, dass er natürlich ein Auto aus dem Ferrari Konzern fährt. Und auch ein Heineken bekommt nicht mehr „Craft“, weil es die Kaltenhausener Manufaktur gibt. Vielleicht sollten wir weniger verteufeln und schwarz-weiss malen. Vielmehr den Nutzen sehen, den beide Szenen aus diesen Entwicklungen ziehen können. Alleine und gegeneinander – das hat sicher die Craft-Bewegung schnell erkannt – geht sehr wenig weiter. Sicher wäre es auch aus meiner Sicht nun an der Zeit auch eine Interessensvertretung für kleinere Craftbierbrauereien zu gründen. Es braucht aus meiner Sicht schon einen organisierten Gegenpol zu etablierten klassischen und teilweise auch etwas verstaubten Branchenverbänden, wie gerade das Beispiel von „Hans Müller Sommelierbier“ und dem „Bayerischen Brauerbund“ gezeigt hat. Diese Verbindung muss dabei nicht so klassisch und steif sein, aber so lange einzelne Stiche noch existenzbedrohend sein können, da braucht es schon eine Form der Absicherung. Und auch hier macht am Ende nur die Gruppe wieder stark.

Kupfer Hähne
Kupfer gehört irgendwie dazu © Martin Voigt

Machen wir also einmal einen Schritt zurück und betrachten das Bild noch einmal aus einer größeren Entfernung. Lohnt die Aufregung wirklich? Kleine Brauereien, von denen die allermeisten vermutlich gar keine exorbitanten Expansionspläne haben, setzen auf Qualität, bringen geschmackvolle Biere auf den Markt und sorgen für eine kleine Revolution am Biermarkt. So klein nun auch wieder nicht, denn ohne diese Bewegung wären uns auch bei Ottakringer vermutlich auch Biere wie das „Wiener Original“ vorenthalten geblieben. Auch die vorgenannten Zahlen aus dem FORMAT Artikel zeigen ja ebenfalls überdeutlich: Die Sessel und Tische im eigenen Haus wackeln auch nicht besonders arg ob des vor der Tür tobenden „Erdbebens„. Bei 1.500 hl Craftbier versus 550.000 hl Standardbier, das sind mathematisch gerade einmal 0,3% – verteilt man diese Menge auf die kolportierten 7 Biere pro Jahr, dann sind das zwar immer noch 43.000 Halbliterflaschen je Sorte – Mengen, die jeden Heimbrauer vor Neid erblassen lassen – aber auch diese wird die Craftbierszene aushalten. Warum? Auch, weil sich die Vertriebswege nur marginal überschneiden. Und neue Vertriebswege für diese Mengen zu erschliessen, das wird man sich dann vermutlich doch nicht antun.

Ein neues eigenes „Brauwerk“-Bierlokal in der Stadt – warum nicht? Wenn dort das bei den Bierkulturwochen gestartete miteinander in der Form weiterlebt, dass kleine Brauereien fest oder als Gast auf der Bierkarte erscheinen. Diesem Lokal würde ich – den richtigen Standort vorausgesetzt – sogar einen guten Erfolg in der Wiener Bierlokalszene prognostizieren. Und? Werden Craftbier Tempel wie das „1516“ oder „Hawidere“ deshalb weniger Gäste haben? Wohl kaum! Und auch hier wage ich sogar ein vorsichtiges: „Im Gegenteil!“.

Worum muss es denn dem Grunde nach gehen? Alle Beteiligten sind doch letztlich daran interessiert, dass Bier als Genussmittel neu positioniert wird, wenn auch vielleicht mit unterschiedlichen Beweggründen. Den kleinen Craftbrauern wird es nur mit viel Anstrengung und Geld, das hierfür nur begrenzt verfügbar sein dürfte, gelingen Kunden aus der Großbrauerei-Schiene zu generieren. Zu verwurzelt sind hier klassische gelernte Verhaltens- und Konsummuster. Beginnen nun aber genau diese Brauereien mit Produkten am Markt, welche die Konsumenten an das Thema „Bierqualität“ heranführen, so werden es letztlich auch die kleinen Brauereien sein, die davon profitieren.

Wie wir jüngst beim „Craft Bier Fest“ in Wien sehen und erleben durften, so ist dieses Thema keines von gesellschaftlichen Schichten oder Altersgruppen. Wo Bier Generationen verbindet, da schweisst Craftbier offensichtlich zusammen. Und auch wenn es am Ende des Tages natürlich um ein knallhartes wirtschaftliches Business geht – ein bischen mehr entspanntes miteinander hat noch keinem geschadet.

Herzlichst – Ihr Martin Voigt